1991 · Schablonen

In den 80ern habe ich als Jugendlicher zusammen mit Freunden Schablonen gebastelt und damit Wände besprüht. Ich gestehe!

Wir waren inspiriert von den Schablonenmalern in England und den USA, aber auch von den Widerstandskämpfern im III. Reich, die mit ihren Parolen die Mitbürger zum Nachdenken bringen wollten.

Wir wollten das auch tun; es gab ja schließlich genug bedrohliche Tendenzen in unserem Staat, die nur allzugerne ignoriert wurden: Das Waldsterben, die atomare Bedrohung, die Waffenexporte in Entwicklungsländer.

Es gab viel aufzurütteln.

Natürlich wurden unsere Schablonen oft genug schon am nächsten Tag übermalt. Der nächtliche Einsatz war nicht ungefährlich im sauberen Deutschland. Einige von uns wurden erwischt und zurecht der Sachbeschädigung angezeigt. Unser Standpunkt dazu war: die Beschädigung, die der Staat uns Bürgern antut ist nicht vergleichbar mit einer läppischen Sprüherei von ca. 50 x 50 cm an einer Hauswand. Noch dazu wählten wir keine frisch sanierten Hauswände- soviel Respekt hatten wir damals schon noch. Wir wollten dort, wo Menschen noch denkfähig sind, um Aufmerksamkeit werben: an Schulen, an Ämtern, in Tiefgaragen, an Haltestellen, in Bahnhofsnähe. Überall dort, wo die Blicke verharren können, weil die Leute auf etwas warten oder nicht weg können.

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Um nicht gänzlich kriminalisiert zu werden, was damals schnell und willkürlich in der noch landläufig verbliebenen Blockwartsmentalität in der Gesellschaft schnell möglich war, habe ich keine Bilder gemacht von unseren Schablonen- Bildern. Das ist jetzt, fast zehn Jahre später, natürlich mächtig schade.

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Aber es gibt ein Trostpflaster für mich: hier im Prenzlauer Berg sind wieder Schablonensprüher unterwegs und ihre Parolen sind immerhin recht politisch und regen zum Nachdenken an.

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Zwar sind nicht alle Botschaften gleich zu verstehen, manchmal hab ich es sogar erst Wochen später begriffen, was damit gemeint sein könnte. Aber genau das ist es ja, was diese Kunst so spannend macht: dass Schrift und Bild sich verbinden und verschwimmen können und so auch manchmal zu einem einzigen Objekt werden, was man kaum noch wieder auftrennen kann. Und dass dahinter jemand saß, der bei der Gestaltung bis zum Ausschneiden der Schablone eine klare Botschaft im Kopf hatte und keine spontane Parole an die Wand gesprüht hat, die oft unbedacht und sinnlos daherkommt.

Da die Fassaden der meisten Häuser ohnehin nach und nach saniert werden, können sie sich hier relativ ungestört austoben.

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Mir macht es Spaß zu sehen, dass immer wieder eine Generation der Denker nachwächst in unserem Land. Auch wenn diese Art von Denkern nicht wohl gelitten ist, bin ich froh um jeden von ihnen.

Sie sind genauso wertvoll für die Meinungsbildung in unserem Land wie andere Äußerungen- nur die Mittel verändern sich eben nach und nach.


 
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