1993 · Reklame

Im Straßenbild von Ost- Berlin gibt es richtig viele Schätze. Nicht nur viele alte Häuser, die den Osten nur wegen Geldmangel für die Abriss- Orgien überlebt haben, sondern noch viele Perlen, die man nicht so wahr nimmt, wenn man ihren kreativen Wert nicht erkennen kann:

Reklameschilder und Leuchtschriften.

Ich will sie nicht überbewerten, schließlich gehören sie zu den Gebrauchsdesigngegenständen, die viele Menschen nicht als Kunst oder zumindest Kreativarbeit einschätzen. Aber:

Ich will ihnen aber den Stellenwert zubilligen, den sie verdient haben: sie sind Repräsentanten einer durchaus bemerkenswert gestalteten Umwelt, Zeitzeugen der Konsumgesellschaft der DDR. Die meisten davon sind in Handarbeit entstanden, denn es gab keinen Grund, bestimmte Leuchtschriften in Fließbandarbeit herzustellen. Dafür gab es zu wenige Läden gleicher Art.

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Und wenn es dann doch Läden gab mit derselben Bezeichnung (Obst & Gemüse, Lebensmittel, Optiker), dann gab es doch erstaunlicherweise immer ein unterschiedliches Design. Das hat vielleicht mit der Entstehungszeit des Ladens zu tun oder mit den Mitteln der Organisationen, die dahinter standen (LPG, OHG, etc). Einmal angebracht, hingen sie für Jahrzehnte und trotzten der saisonalen Geschmackserneuerung (oder den Firmenpleiten), die man z. B. im Westen gut ablesen kann an den wenigen noch erhaltenen Leuchtschriften aus den 60ern bis 80ern.

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Noch viele der alten Leuchtreklamen der DDR sind im Straßenbild erhalten, aber sie werden schnell verschwinden, sobald der Leerstand der Läden beseitigt ist.

Nachdem alle staatseigenen Konzerne abgewickelt wurden und die Discounter des Westens den Osten wie die Raubritter untereinander aufgeteilt haben, werden auch die letzten Überreste sozialistischer Werbegestaltung in ihrer Form verschwinden.

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Die neuen Ladenbesitzer werden dann die Fassaden großflächig verbauen mit langweiligen Leuchtkästen in bestellbaren Standardgrößen mit aufgedruckter Plastefolie. So geht die Tradition der individuellen Namenszug- Neonreklame nach und nach verloren.

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Also: retten, was zu retten ist, bevor es auf den Müll kommt! Ein Lager einrichten!

Irgendwann wird es die nachfolgende Generation aufbrechen und glücklich sein über die Vielfalt der Vergangenheit!


 
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