2010 · Ziemlich ungewöhnlich

Die Art und Weise wie der Tag begann war ziemlich ungewöhnlich. Ich hatte es nicht sofort bemerkt, was anders war als sonst. Beim zweiten Wimpernschlag begriff ich, was mich in eine sonderbare Stimmung gebracht hatte: in meinem Kopf war es ruhig. Endlich!

Kein Lärm, kein Geräusch, kein Ton, kein Wort, kein Knarren, kein Schlagen, kein Summen und Brummen, kein Scharren und Schleifen, kein Aufröhren und kein Bremsen. Die Straße war leer, die Stadt war leer. Kein Mensch unterwegs – kein Auto, kein Fahrrad.

5 Uhr morgens. Ich kann nicht mehr weiterschlafen. Ich stehe auf und sehe mich fallen in einen tiefen Krater, blau, gelb, rot, schwarz.

Image

Ich falle und mein Magen schwappt nach oben, ich drehe mich, er schwappt wieder nach unten- ich werde gebeutelt und gerüttelt und geworfen und gezupft und übergebe mich im Fallen. Mein Gesicht wird warm, mein Magen flauer, mein Hals schmerzt, stechend, gallig, bitter, ich kann nicht mehr schlucken- bitte- lass Luft rein- bitte atmen- bitte beruhigen.

Image

Ich gehe auf die Straße- nackt und sehe meinen Schatten nicht. Mein Erbrochenes ist rosa.

Image

Herz klopft heftig- Magen brennt- Mund trocken- Nase verklebt- wo sind mein Hände? Mein Arm schmerzt- ich sehe meine Knochen- meine Muskeln und Sehnen. Ich kann nicht mehr stehen und kauere mich hin- kann ich denn nichts ausrichten?

Image

Eine Landschaft fährt in meinem Kopf vorbei- meine Augen sind zwei Fernseher. Vier unscharfe Gestalten stehen auf meinem Zwerchfell- meine Familie ruft mich. Sie haben keine Verbindung zueinander.

Image

Ich bin plötzlich so stark wie eine Fitness- Maschine- ich laufe mich warm. Ich bin wohlig-warm wie eine Badewanne und blubber dabei über.

Image

Häuser zerbersten- Glas splittert: Klischee der Expressionisten.

Image

Ich sehe die Spinne an der Wand: Klischee der Psychologen die von Sex reden. In meinem Kopf wohnen 27 Tauben aber keine Krähen: trotzdem Klischee der Mystiker vom Tod?

Image

Ich bin ein 12- teiliges Lexikon, das sich auf mich zu bewegt. Ich bin ein schwarzer Keks, der mich auslacht.

Image

Ich bin ein Kabelgewirr- für jeden anderen unentwirrbar. Ich bin ein offenes Tagebuch und ein kalter Schluck ätzendes Wasser- nie gefüllt und nie leer.

Ich knalle auf. Ich bin gelandet. Wo bin ich?

Mein Kopf schlug als erster auf und blutet.

Wer hat mich geschuppst? Was war falsch? Habe ich etwas Verkehrtes gemacht? Habe ich es verdient? Habe ich mich entfernt? Wo sind die anderen? Warum hilft mir denn keiner? Ich bin alleine! Bin ich wirklich alleine?

Ich hätte noch vieles zu erzählen, aber meine Kräfte schwinden mir wieder.


Eine sinnlose Geschichte für alle, die sich mit Drogen wegballern, weil sie meinen, dass sie sich von der Gesellschaft entfernen müssen, weil diese sich angeblich von ihnen entfernt hat.

Für Dr. lgnaz Goldmann-Stein. Komm zurück!


 
© 2001 - 2017 · Moritz David Friedrich · v2.0