2010 · Vanitas

Es gibt in Deutschland viele leere Häuser. Nicht jedes ist zugänglich, die meisten sind immerhin gut gesichert gegen Vandalismus und die Zerstörung durch natürliche Begebenheiten (Regen, Wind, aufsteigende Nässe); doch einige sind- so scheint es- gänzlich dem Verfall preisgegeben.

Besonders auf dem Land und in kleinstädtischen Gegenden kann man eine Menge solcher Häuser finden. Eine Fahrt lohnt sich, nicht nur, um einige „hübsche Nostalgiefotos“ zu knipsen, sondern um sich ein wenig mehr mit dem Gedanken der Vergänglichkeit auseinanderzusetzen. Vanitas- die Vergänglichkeit- kann wunderbar in einem solchen alten Haus gespürt werden.

Sind noch etliche Gegenstände der Vormieter, Vorbesitzer vorhanden, kann man ablesen oder erahnen, wie sie gelebt, ja sogar wie und wo sie gestorben sein könnten…

Nicht selten finden sich Leichenflecken an den Wänden der Schlafzimmer wieder, wo einmal das Bett stand und der Sterbende sich mit letzter Kraft aufgesetzt hat im Bett. Er hat sich vermutlich das Kissen an die Wand gelegt, um es gemütlicher im Rücken zu haben, oder besser atmen zu können, aus Angst, im Liegen zu ersticken im Schlaf.
Wer so starb, dessen Leichengift durchdrang das Kissen und die Wand und hinterließ einen schwer zu beseitigenden letzten Vanitas- Eindruck.

Daneben steht Krankenhaus- Gerät: da hing der Tropf dran, hier stehen noch die Kartuschen für den Sauerstoff, dort eine alte, improvisierte Massageliege, sonderbar mit Müllsäcken abgedeckt- ein Zeichen für unsere Gebrechlichkeit und für die schnelle Entsorgung nach unserem Tod.

GroßBärchen liegt auf der Kommode, eine Erinnerung an die vergangenen Kindertage, KleinBärchen liegt auf der Massageliege, verlassen und traurig. Sie finden so schnell nicht mehr zueinander. Die Vitrinen sind leergeräumt, das schöne Geschirr ist verschwunden. Alles leergeräumt und in Müllsäcke verpackt, vielleicht schöne Erinnerungen für den Verstorbenen; nur die wichtigen Dokumente wurden herausgenommen, wichtige Schriften für die Noch- Lebenden.

In der Küche hängt noch des Bauers Jacke und Hose an der Wand. Zuletzt hat er sich nur noch aus Dosen ernährt. Kochen war ja immer die Sache seiner Frau. Als sie vor ihm ging, musste er sehen, wie er sich ernährt. Die leeren Dosen hat er aus dem Fenster geworfen, im Hof verrosten sie.

Zum Heizen hat er nach und nach die Türen der Räume verholzt, die nicht mehr bewohnt waren. Hätte er noch länger gelebt, hätte er in einem Haus ohne Türen leben müssen. Der Armut fielen schon etliche Möbel zum Opfer. Da der Gang zur Straße unmöglich wurde, stapelten sich die Müllsäcke im alten Stall. Da war schon lange kein Vieh mehr, das wurde alles zu beschwerlich.

Wer hat den alten Mann eigentlich mit frischen Lebensmitteln versorgt? Gibt es Angehörige? Warum lassen sie alles verfallen?

Nach der Begehung eines solchen alten, leerstehenden Hauses beginnt man, anders zu reflektieren. Wie geht es den eigenen Eltern, alleine im Haus ohne die Kinder? Wie wird es uns ergehen, wenn wir älter sind? Wer kommt zu uns und pflegt uns?

 


Gut, dass es solche Häuser gibt- sie helfen in die Zukunft zu denken und zu fühlen.


 
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