2012 · ACAB

Die Welt ist so verwirrend, manchmal. Man geht durch die Straßen und sieht Zeichen, Schriften, Bilder und man kann sie nicht erklären, man versteht deren Bedeutung einfach nicht. Viele nehmen sie erst gar nicht wahr. In meiner Jugend als Punk, der mit anderen auf der Straße lebte, war es wichtig, sich durch Codes zu verständigen. Wir waren Verschlüssler dessen, was wie ein offenes Buch vor uns lag: das Grauen der Biederkeit, der Willkür der Polizei gegen unsere Lebensform als Aussteiger. Das war für uns damals eine Art Rebellion gegen die schweigende, graue Mehrheit, die nicht mehr den Weg über das Gespräch zu uns fand; die uns schon abgeschrieben hatte als Spinner, Absteiger, Abschaum. Wir fühlten uns wie in einer Parallelgesellschaft. Wir mussten uns untereinander zeigen, dass wir viele waren. So begann die offene Kommunikation über die Wände und Masten der Stadt.

So wie früher die Scherenschleifer und die Bettler, die mit Kreide Symbole an die Hoftore malten, ob jemand ein geneigter Kunde oder Geber ist oder nicht. So wussten die Kollegen, ob es den Weg lohnt oder nicht.

Man malte Zeichen an die kahlen Betonwände, die uns sie Architekten der 70er und 80er Jahre eingebrockt hatten oder auf den Bordstein, der den Passanten vom verteufelten Autofahrer trennte, man kritzelte Sätze oder Zeichen auf eine Hausschwelle, damit sie morgens alle Hausbewohner lesen mussten und den Tag über im Unterbewusstsein enträtseln mussten oder man schrieb Gedichte auf Klebezetteln und verzierte damit die grauen Laternen- und Ampelmasten.

In den 80er Jahren kam die Abkürzung ACAB auf. Das verstanden nur diejenigen, die bestimmte Punkbands hörten oder in der linken Szene unterwegs waren. Ausgeschrieben hieß das: all cops are bastards- alle Polizisten sind Bastarde. (Für uns war das damals eine zutreffende Feststellung, mittlerweile habe ich auch sehr anständige Polizisten kennen und schätzen gelernt.)

Fast zwanzig Jahre lang war diese Abkürzung aus dem Straßenbild verschwunden und nur manchmal erinnerte mich ein ähnlich aussehender Schriftzug an diesen Satz und meine Fantasie bemühte sich, daraus einen Erklärungssatz zu kreieren.

ADAC- all dads are cowards- alle Väter sind Feiglinge, auch nicht schlechter der Spruch, als das Original und in den 80er Jahren fast flächendeckend sehr zutreffend.

Oder ACDC- aggressive Christen denunzieren Christus- da sollte man auch mal drüber nachdenken statt sich mit Rockmusik vollzudröhnen. Da hört man ja nix (von oben).


Nun taucht das Originalkürzel wieder massiv im Straßenbild auf und ich würde zu gerne wissen, welche Leute das sprühen oder kritzeln. Wissen sie, was der Spruch bedeutet? Wie erleben sie heutzutage die Polizei? Oder hat der Spruch mittlerweile eine ganz andere Bedeutung, die nicht mal ich kenne?

Dann erblickte ich neulich das Kürzel in Kombination mit Hammer und Sichel, na nu? Was soll das denn jetzt? Das war dann schon etwas mehr zu hinterfragen. Ich bin noch nicht fertig mit dem Drübernachdenken. Selbst Autofahrer sind nicht gefeit: AC-UB- AutobahnChaos (führt zu) UnfreiwilligerBahnfahrt. Das eingeklammerte durfte ich einfügen, weil da war ein Trennstrich...das ergab dann die Klammer des Ganzen.

Und dann ganz aktuell: ARAB. Da musste ich sofort an die Arabellion denken: Araber rebellieren augenscheinlich blutlos. Vielleicht war es ein arabischer Sprayer, der noch ein weiteres A davorsetzte: AACAB- all american cops are bastards. Das wird dem Westen gar nicht zu schmecken, wenn das die Runde in den USA macht, sind wir doch alle auf die bösen terroristischen Araber eingeimpft worden durch unsere Massenmedien.

Apropos Medien: ABC. Na bitte, damit fängt doch alles an: Lernt Ihr erstmal das ABC richtig, dann können wir weiterreden, denn nicht alle Polizisten sind Basstorten.

 


 

 


 
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