2011 · Schuhschreck

Es passiert mir recht oft im Leben, dass ich ungewöhnlich oft sonderbare, scheinbar unerklärliche Dinge sehe. Kommt es nun davon, dass ich eine selektive Wahrnehmung habe, die mich dazu bringt, wie durch einen Themensuchfilter immer wieder entsprechende Dinge zu sehen oder ist es eine Gabe, die mich – gekoppelt mit Ahnungen- dazu verdammt, ständig zu sehen, was andere nicht sehen können oder wollen?
Mich erschreckt das manchmal und ich möchte es an einem Beispiel erläutern: Schuhe. Mich erschrecken Schuhe. Nicht allgemein, sondern speziell dann, wenn sie nicht in Paaren sondern einzeln irgendwo herumliegen und so aussehen, als lägen sie dort schon sehr lange. Und keiner weiß warum.

Solche Schuhe finde ich ständig. Da gibt es die einzelnen Schuhe, die vielleicht einem hektischen Radfahrer aus dem Fahrradkorb gefallen sind. Vielleicht hat sie ein netter Mitbürger aufgehoben und zur Seite auf die Baustellensteine gelegt, damit der Verlierer sie wiederfinden kann. Oder die Schuhpaare, die im Gebüsch liegen: Raubgut? Hinterlassenschaften eines Schuhfetischisten? Man hat ja schon Geschichten gelesen von Schnüfflern, die Sportschuhe aus Fitnesscentern geklaut haben, um ihren angebeteten Sportlerinnen näher zu sein.

Dann gibt es aber solche Fundstücke, die schon deutliche Spuren des Zerfalls in der Natur haben, nebst brauchbaren DNA- Hinterlassenschaften. Da drängt sich mir sofort das Bild eines Verbrechens auf. Da ich ja zu gerne in Wald und Wissen umherstreife und auch verlassene Orte und leerstehende Häuser nicht meide, kommt es wohl prozentual gesehen öfter vor, dass ich in diesen Schreck-Genuss komme.

Normalbürger, die immer nur auf den vorgeschriebenen Wegen durchs Leben gehen, finden kaum derartige Zustände. Zugegeben, bei diesen Schuhzuständen bekomme ich dann- im Keller eines leerstehenden Hauses zum Beispiel- auch schon mal richtig Zustände. Ganz kurz. Ich denke dann immer: jetzt kommt gleich eine Leiche zum Vorschein. Dann weicht die Angst dem Mitleiden für eine geschundene Kreatur und weil ich glücklicherweise noch nie eine Leiche zum herumliegenden Schuh gefunden habe, weicht auch die Angst voll und ganz. Aber ich bin innerlich immerhin vorbereitet auf diese Situation.

Ist der Schreck weg, beginnt die Frage: wie kommt der (einzelne) Schuh hierher? Bei verlassenen Häusern kann man sich das ja recht schnell erklären mit dem vielen Unrat ringsum. Doch in Wäldern, auf Feldern, am Wegesrand, am Bachufer, da hört meine Fantasie nicht auf, sich Geschichten auszudenken...

Ich habe mich nach der Vielzahl der gefundenen Objekten jetzt mit mir darauf verständigt, dass ich mir nicht mehr zu viele kriminalistische Gedanken mache, sondern die Schuhe ansehe wie Kunststücke, die ihren Platz gefunden haben. Ich muss sie nur noch ablichten...

Malerisch eingebunden in die moosige Landschaft einer zerfallenen Fabrik oder im sanften kühlen Weiß des Hochgebirges...

Warte mal, dieser Schneeschuh hier, der sieht aber exakt so aus, als...Halt die Klappe!


 

 

 


 
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